Frag das Pferd  (Thema: Aufrichtigkeit)

Zen ist eine ganz persönliche Erfahrung, die Geist und Körper umfasst. Da auch Gefühle und körperliche Empfindungen letztendlich im Geist registriert und erlebt werden, legt Zen das Augenmerk besonders auf den Geist und seine Funktionsweise. Deshalb können wir Zen durchaus als eine Schulung des Geistes bezeichnen. Zen beobachtet aber auch, wie sich der Geist manifestiert, und dazu gehört auch der Körper. Deshalb wird Zen in bestimmten Schulen stark körperbezogen praktiziert.

Der lateinische Begriff schola, von dem sich unser Wort «Schule» ableitet, geht auf das griechische scholē zurück und bedeutete ursprünglich Musse oder freie Zeit. Er hat also eigentlich nichts mit strenger Arbeit, Auswendiglernen, Gehorsam oder Züchtigung zu tun.

Tatsächlich gibt es japanische Zen-Schulen, die eine vergleichsweise strenge Praxis pflegen. Diese Praxisformen wurden historisch von der Samurai-Kultur geprägt – von militärischer Erziehung, Disziplin und teilweise auch von körperlicher und geistiger Züchtigung. Mit den ursprünglichen Lehren des Buddha ist dies nicht vereinbar.

Das, was wir im Westen «Meditation» nennen, nannte man im Indien des Buddha, der vor etwa 2’500 Jahren lebte, Dhyāna. Dhyāna ist ein Sanskritwort und bedeutet kontemplative Sammlung oder stille Aufmerksamkeit. Als die buddhistischen Lehren nach China gelangten, wurde der Begriff dort als Chán wiedergegeben; auf Vietnamesisch lautet er Thiền. Später gelangte die Chan-Tradition nach Japan, wo sich die Bezeichnung Zen etablierte. Zen geht also sprachlich über das chinesische Chán auf den Sanskrit-Begriff Dhyāna zurück.

Ich halte es für wichtig, dies zu wissen, denn wenn wir uns hier im Westen vom Buddhismus inspirieren lassen möchten, sollten wir Missverständnisse vermeiden. Jene Art von Zen, in der man aufgefordert wird, sich während des Zazen – also der Sitzmeditation – möglichst wenig zu bewegen, eine sehr aufrechte Haltung einzunehmen und sogar Schmerzen zu erdulden, kann im Grunde als yogische Übung betrachtet werden. Sie ist stark körperbezogen und an spezifische Formen und Rituale gebunden.

Für manche Übende mag diese Form des Zen genau die richtige sein. Ich persönlich bevorzuge jedoch eine sanfte, inklusive Methode, die auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen praktizieren können. Erwachen beruht nicht auf einer bestimmten Körperhaltung. Eine sehr aufrechte Sitzhaltung, wie sie in bestimmten Buddha-Statuen dargestellt wird, verstehe ich eher als symbolischen Ausdruck von Aufrichtigkeit – einer geistigen Qualität.

Das Üben von Aufrichtigkeit erachte ich im Zen als zentral. Das ist, wie ich bereits erwähnt habe, eine sehr persönliche Angelegenheit. Aufrichtigkeit bedeutet, achtsam unseren Körper und seine Empfindungen sowie unseren Geist und alles, was in ihm erscheint und wirkt, zu beobachten und zu akzeptieren. Wir werden bald merken, dass uns das gar nicht so einfach fällt: Es manifestiert sich ein Gefühl oder ein Gedanke taucht auf, aber wir können bei dem, was sich zeigt, nicht verweilen. Sofort treten sekundäre Gedanken hervor und drängen uns in Gedankengänge, in die wir das Ursprüngliche verweben – wie eine Spinne ihre Beute einspinnt. Ich kann nur Zen-Schüler sein, wenn ich anerkenne, dass ich spinne.

Oder wir lassen uns von unseren Gedanken antreiben und galoppieren davon: möglichst schnell weg hier. Eine Geschichte zu diesem Thema erzählt von einem Reiter, der plötzlich herangaloppiert: Am Wegesrand steht ein Mann und ruft ihm zu: «Wohin so stürmisch?» Der Reiter ruft noch schnell zurück: «Keine Ahnung, frag das Pferd!»