Gegenwart verkörpern

Wenn wir den Weg zu einem Ziel hauptsächlich als lästig empfinden, möchten wir ihn möglichst schnell hinter uns bringen. Wir erachten die einzelnen Tätigkeiten auf diesem Weg als Aufgaben, die es rasch zu erledigen gilt. Das zeigt sich im Kleinen wie im Grossen und hat viel mit unseren Konditionierungen und Ansichten zu tun: Nach dem Staubsaugen, am Feierabend, am Wochenende, in den Ferien oder im Pensionsalter werde ich dann Zeit für mich haben und glücklich sein.

Wenn wir merken, dass dies nicht wirklich funktioniert, suchen wir unser Glück vielleicht auf einem spirituellen Weg und laufen Gefahr, dieselben Denk- und Verhaltensmuster aufrechtzuerhalten: noch dieses grossartige Buch zu lesen, bei jenem berühmten Lehrer einen Vortrag zu hören, diese Einweihung zu erhalten oder jene Verwirklichungsstufe zu erreichen. Der tibetische Meister Chögyam Trungpa prägte dafür den Begriff «spiritueller Materialismus».

Wenn wir den spirituellen Weg nicht bloss als Weg zu einem Ziel verstehen, lernen wir, jeden Augenblick als Ziel zu betrachten und alles, was sich darin zeigt, zu akzeptieren und, wenn möglich, zu geniessen.

Diese beiden Akzente – das allmähliche Voranschreiten auf einem Weg und die unmittelbare Verwirklichung im gegenwärtigen Augenblick – prägen auch buddhistische Traditionen. Die tibetische Gelug-Schule, zu der auch die Dalai Lamas gehören, steht beispielhaft für die erste Ausrichtung. Sie versteht die buddhistische Praxis als Stufenweg: Durch fortgesetzte Übung, oft über lange Zeit hinweg, werden die Bedingungen für Befreiung und Erleuchtung allmählich entwickelt. Ihr prägender Lehrer Je Tsongkhapa (1357–1419) verfasste mit dem Lamrim Chenmo, der «Grossen Darlegung der Stufen des Weges zur Erleuchtung», eine systematische Anleitung zur buddhistischen Praxis.

Texte der Chan- und Zen-Traditionen hingegen betonen stärker die Unmittelbarkeit: Erwachen ist nicht bloss ein fernes Ziel, sondern verwirklicht sich auch im gegenwärtigen Augenblick. Für mich widersprechen sich diese beiden Akzente nicht. Kontinuierliche Übung und die unmittelbare Verwirklichung im Hier und Jetzt sind zwei Aspekte derselben Praxis.  

Bereits im Bāhiya-Sutta, einer frühen buddhistischen Lehrrede, richtet der Buddha eine Unterweisung an den Asketen Bāhiya, in der diese Unmittelbarkeit zum Ausdruck kommt. Als Bāhiya die folgenden Worte hörte, die ich wie folgt übersetze, erlangte er unmittelbare Befreiung: «Wenn du siehst, sieh einfach. Wenn du hörst, hör einfach. Wenn du riechst, riech einfach. Wenn du schmeckst, schmeck einfach. Wenn du Körperempfindungen wahrnimmst, nimm sie einfach wahr. Und wenn Gedanken auftauchen, nimm auch sie einfach wahr.» Genau diese Unmittelbarkeit ist Ausdruck des Erwachens.

Später formulierten Chan-Meister in China und Zen-Lehrer in Japan ähnliche Aussagen. Mazu Daoyi (709–788, Tang-Dynastie) lehrte: «Vertraut darauf, dass euer eigener Geist Buddha ist; dieser Geist ist genau Buddha.» Linji Yixuan (gestorben 866), auf den die Linji-Schule und später die japanische Rinzai-Schule zurückgehen, sagte sinngemäss: «Je mehr ihr Buddha und Dharma sucht, desto weiter entfernt ihr euch davon.» Und Dōgen (1200–1253), der Begründer der japanischen Sōtō-Schule, formulierte: «Im Buddha-Dharma sind Praxis und Verwirklichung eins.»

Dieses Verständnis verdichtet sich in der Sōtō-Praxis des Shikantaza, was so viel bedeutet wie «einfach nur sitzen». Bernard Tetsugen Glassman Roshi übersetzt Shikantaza mit bearing witness. In deutschsprachigen Ausgaben findet sich dafür «Zeugnis ablegen». Ich schlage stattdessen «Gegenwart verkörpern» vor. Im Shikantaza ist das Sitzen selbst Ausdruck des Wachseins – als unmittelbare Verwirklichung der Wirklichkeit (Dharma-Kāya). Diese Praxis beschränkt sich im Zen jedoch nicht auf das Sitzen, sondern zeigt sich auch im Stehen, Gehen und in allem, was wir tun.

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