Absichtsloses Verweilen

Der Buddha hiess Siddhartha Gautama und lebte vor etwa zweieinhalbtausend Jahren in der Gegend des heutigen nördlichen Indien und südlichen Nepal. Die Überlieferung erzählt, dass er aus einer fürstlichen Familie stammte. Sein Vater wünschte, dass er dessen Stellung übernahm. Doch Siddhartha verliess eines Nachts seine Familie und sein bisheriges Leben, wurde Wandermönch und suchte bekannte Lehrer auf. Was er lernte, befriedigte ihn nicht dauerhaft. Schliesslich gab er diese Form der Suche auf. Er setzte sich unter einen Baum und beschloss, diesen Platz nicht mehr zu verlassen, bis er die ersehnte Freiheit erlangt hatte.

In dieser Geste können wir die Bedeutung des Sitzens verstehen. Der Buddha liess sich an einem Ort nieder und beendete die Suche im Aussen. Sitzen bedeutet damit: aufhören, innehalten, loslassen, zur Ruhe kommen. Später entwickelten sich in bestimmten Schulen feste Formen des Sitzens und die Vorstellung, nur eine genau vorgeschriebene Haltung könne zur Befreiung führen. In Japan nahm die Zen-Praxis in manchen Übungsorten eine militärisch anmutende Strenge an. So konnte das ursprünglich einfache Sitzen zu einer absurden Übung werden. Doch gerade in Japan setzte das Shikantaza der Sōtō-Schule einen anderen Akzent. Shikantaza bedeutet so viel wie „nur sitzen“ oder „absichtsloses Verweilen“. Es betont, dass Sitzen kein Mittel zu einem Ziel ist, sondern die Praxis selbst.

Wenn wir uns hinsetzen, sollten wir das deshalb nicht als Formalität verstehen. Wir gönnen uns eine Pause von unseren Beschäftigungen, Zielen, Bedenken und Ängsten. Wir setzen uns hin und halten inne. Damit bringen wir uns in Resonanz mit der ursprünglichen Geste buddhistischer Meditation und schaffen eine Grundlage, unkompliziert in einen meditativen Zustand zu gelangen. „Sitzen bleiben“ klingt in unserer Bildungssprache negativ: Jemand repetiert eine Klasse und kommt nicht voran. In der Meditation bedeutet es dagegen, unangenehme Gedanken, Gefühle und körperliche Empfindungen bewusst wahrzunehmen, statt ihnen auszuweichen.

Wir beobachten sie achtsam und sorgfältig. Ein Gedanke kann ein Gefühl auslösen, ein Gefühl wiederum Gedanken nach sich ziehen. Auch körperliche Empfindungen können dieses Zusammenspiel beeinflussen. Vielleicht nehmen wir eine Spannung im Rücken oder eine unangenehme Empfindung im Knie wahr. Vielleicht muss ich nicht sofort aufstehen und die Meditation beenden. Vielleicht hilft es, innerlich zu dieser Empfindung zu sprechen: «Oh, hallo. Ich habe dich registriert und nehme mich jetzt deiner an.» Allein diese Wertschätzung kann etwas bewirken. Manchmal ist die angemessene Antwort aber auch, die Position leicht zu verändern. So loten wir unsere ganz individuelle Sitzposition allmählich aus, in der wir uns entspannen können.

Auch in den traditionellen Lehrreden über Achtsamkeit beginnt die Praxis beim Körper und beim Atem: Einatmend bin ich mir bewusst, dass ich einatme, ausatmend bin ich mir bewusst, dass ich ausatme. Und dann: Einatmend bin ich mir meines ganzen Körpers bewusst. Ausatmend lasse ich meinen Körper zur Ruhe kommen.

Es geht dabei nur bedingt um unser Zutun. Wir müssen nicht eingreifen, nichts manipulieren und keine bestimmte Form erzwingen. Wenn sich unser Körper entspannt, kann sich unsere Konzentration verstärken. Wir richten sie auf den gegenwärtigen Augenblick, auf das Hier und Jetzt und auf alles, was sich darin zeigt. Mehr brauchen wir nicht zu tun.

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