Erinnerung an das Hier und Jetzt

Wenn wir in der Steuererklärung schummeln oder während der Arbeit heimlich in den sozialen Medien rumtrödeln, setzen wir Intelligenz, Konzentration und Aufmerksamkeit gezielt ein, um nicht aufzufliegen. Dieselben Fähigkeiten nutzen wir beim Zubereiten unseres Kaffees, auf dem Rad zur Arbeit, beim Sport oder beim Betreuen unserer Kinder. Selbst ein Scharfschütze bedient sich ihrer bei seiner Mission.

Angemessene Konzentration und angemessene Achtsamkeit hingegen gehen über blosse Fokussierung und Aufmerksamkeit hinaus. Als Teil eines ethischen Übungswegs sollen sie Leiden mindern und unsere Denk-, Fühl- und Verhaltensgewohnheiten heilsam verändern. Seit einigen Jahrzehnten hat Achtsamkeit auch im Westen Eingang in andere spirituelle Traditionen und die psychologische Praxis gefunden, etwa in die achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie.

Einige Strömungen des Zen stellen Achtsamkeit besonders in den Mittelpunkt. Dazu gehören die Rinzai-Linie, die auf den chinesischen Meister Linji aus dem 9. Jahrhundert zurückgeht, sowie der von Thich Nhat Hanh gegründete Tiếp-Hiện-Orden des Interseins.

Fragen wir, was Achtsamkeitspraxis im Zen wirklich bedeutet, sehen wir: Achtsamkeit besteht aus unzähligen Elementen. Ähnlich wie eine Gemüsesuppe ausschliesslich aus Dingen besteht, die selbst keine Gemüsesuppe sind – etwa Wasser, Zwiebeln, Lauch, Karotten, Gewürzen, Pfanne, Herd, Supermarkt, Lastwagen, fossilem Brennstoff und Atomkraftwerk –, besteht auch Achtsamkeit aus Nicht-Achtsamkeits-Elementen.

Aus der Perspektive des Interseins ist Achtsamkeit keine isolierte Fähigkeit. Wer Denk-, Fühl- und Verhaltensgewohnheiten heilsam verändern möchte, kann aus der buddhistischen Tradition und dem Zen viel lernen. Im Edlen Achtfachen Pfad und in den Sieben Gliedern des Erwachens begegnet uns Achtsamkeit in Wechselwirkung mit heilsamer Sichtweise und Absicht, mit heilsamem Kommunizieren und Handeln, mit einer verantwortungsvollen Art, unseren Lebensunterhalt zu sichern, mit Freude, innerer Ruhe, Konzentration und Gleichmut. Diese Aspekte tragen und nähren einander.

Zu einem zeitgemässen Verständnis dieses Weges gehört auch achtsames Konsumieren. Was wir essen, trinken, sehen, hören, lesen und über unsere Sinne aufnehmen, wird Teil der Bedingungen, aus denen unser Denken, Fühlen und Handeln hervorgeht. Achtsam zu konsumieren heisst, unsere Sinnespforten mit Wachheit zu begleiten und zu fragen, was Klarheit, Mitgefühl sowie persönliches und kollektives Wohlbefinden nährt.

In modernen Übersetzungen buddhistischer Texte wird das Pali-Wort sati oft mit Mindfulness oder Achtsamkeit wiedergegeben. Sein Bedeutungsfeld umfasst Erinnern, Vergegenwärtigen und das Im-Gedächtnis-Behalten.

Achtsamkeit hat viel mit Erinnern zu tun. Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf Atmung, Körperhaltung oder eine bestimmte Tätigkeit, wird sie durch äussere und innere Impulse wie Geräusche oder Gedanken immer wieder abgelenkt. Zenpraxis zielt nicht darauf, das Entstehen von Gedanken zu verhindern oder das Denken zu stoppen. Unser Bewusstsein gleicht einem Tümpel. Manchmal ist das Wasser klar und manchmal trüb. Manchmal quakt ein Frosch und hüpft davon, manchmal blüht ein Lotus. Am Grund gärt der Schlamm, und die auftauchenden Blasen gleichen unseren Gedanken und Gefühlen. In der Yogācāra-Tradition des Mahayana wird diese tiefere Schicht des Bewusstseins als Speicherbewusstsein bezeichnet.

Aus einem Gedanken entstehen weitere Gedanken, und diese führen uns auf Gedankengänge, in denen wir ganze Welten konstruieren. Dabei verlieren wir unsere Übung aus den Augen. Irgendwann erinnern wir uns daran, dass wir achtsames Ein- und Ausatmen praktizieren wollten. Auch dieses Mysterium des Erinnerns können wir nicht vollständig durch geistige Konzentration kontrollieren, durch Rituale herbeiführen oder durch philosophische Strategien erzwingen. Wir können jedoch Bedingungen schaffen, die es unterstützen.

Die Übung besteht darin, zu unserer Praxis zurückzukehren, sobald wir uns an sie erinnern. Wir kommen wieder nach Hause zu uns selbst – in das Hier und Jetzt.

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