Das Brüllen des Meisters

Wenn es einem Hund zu heiss ist, sucht er sich ein schattiges Plätzchen. Wird eine Wiese häufig gemäht, bildet der Löwenzahn kürzere Stängel, um der Klinge zu entgehen.

Nicht nur uns selbst, sondern auch andere Menschen, Tiere und Pflanzen, die uns am Herzen liegen, möchten wir schützen. Wir kümmern uns um unsere Liebsten: um unsere Kinder und Familienmitglieder, um Freunde und Bekannte und vielleicht sogar um unsere Nachbarn und Landsleute. Einige engagieren sich für Bedürftige in anderen Ländern, für die Umwelt oder sogar für den Schutz des Weltraums.

Manchmal sind wir sogar bereit, schmerzhafte Situationen oder schwierige Lebensphasen auf uns zu nehmen, wenn wir überzeugt sind, dass sie langfristig Positives bringen. Hindert uns hingegen jemand an unserem Wohlbefinden oder bedroht etwas, das uns ans Herz gewachsen ist, kann dies Ärger und Konflikte auslösen. Deshalb haben Menschen ethische Grundlagen erarbeitet und sich auf Verhaltensregeln geeinigt.

Bereits frühe, einflussreiche Denker wie Konfuzius in China, Siddhartha Gautama in Indien oder Sokrates in Griechenland haben sich intensiv mit ethischen Fragen beschäftigt. Spätere Rechts- und Staatsordnungen griffen ihre Ideen auf und entwickelten sie weiter.

Sorgfältiges Nachdenken und die daraus erwachsende Erkenntnis oder Philosophie sind also Voraussetzungen für die Entwicklung einer Ethik. Doch ebenso gilt das Umgekehrte: Wir benötigen eine friedvolle, geschützte Umgebung, um uns der Kontemplation widmen zu können. Ethik, Meditation und Erkenntnis bedingen und durchdringen sich gegenseitig.

Wenn ich also Leid vermeiden oder auf ein erträgliches Mass verringern möchte, sollte ich mir der Ursachen bewusst werden, die zu problematischen Situationen führen. Also denke ich sorgfältig darüber nach. Dafür schaffe ich mir ein förderliches Umfeld oder begebe mich an einen ruhigen Ort. Wenn ich die Ursache identifiziert und analysiert habe, entwickle ich eine Methodik, mit deren Hilfe ich meine Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster positiv verändern kann.

Die drei ineinandergreifenden Aspekte – Lernen, Meditieren und Achtsamkeitspraxis in Bezug auf unser Denken, Fühlen und Verhalten – können wir im Zen als Übungsfelder betrachten und nutzen. Diese Übungsfelder sind kein Selbstzweck. Wir sollten sie stets im Zusammenhang mit unseren ganz persönlichen Schwierigkeiten verstehen und praktizieren, mit denen wir uns im Leben herumschlagen. Zen manifestiert sich in seiner Praxis, ist also praktisch. Zen ist weder eine Religion noch eine Gerümpelkammer voller Wissen noch ein Schulmeister, der anderen sagt, wie sie sich benehmen sollen und was sie zu tun haben.

Wir beobachten also kontinuierlich und immer sorgfältiger Ursache und Wirkung: Welche Gedanken lösen welche Gefühle aus? Welche Gefühle ziehen welche Worte und Taten nach sich? Welche Begegnungen, Konversationen und Sinneseindrücke nähren mein Wohlbefinden? Welche Erkenntnisse gewinne ich durch Meditation, und inwiefern ermöglichen sie mir, meine Haltung gegenüber dem täglichen Geschehen und den Tatsachen positiv zu verändern?

Niemand kann dir vorschreiben, was ethisches Verhalten im Kontext deines eigenen Erwachens bedeutet. Als ein Zen-Schüler zum Meister kam, schrie dieser: «Weshalb lässt du die Tür offen?» Bei der nächsten Unterredung schloss der Schüler die Tür sorgfältig hinter sich. Der Meister brüllte: «Weshalb schliesst du die Tür?»

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