Le Chef
Zen kann als Wissenschaft vom Geist verstanden werden – nicht im modernen akademischen Sinn, sondern als systematische Praxis. Sie beruht auf der Beobachtung von Ursachen und Wirkungen und nutzt Übungen, um den Geist zu schulen und zu kultivieren.
Eine Methode besteht darin, die Einflüsse auf Geist und Befinden als Formen von Nahrung zu verstehen. Dabei werden vier Arten unterschieden: materielle Nahrung, Nahrung durch Sinneskontakt, Nahrung durch Absichten und Nahrung durch Bewusstsein. Unser Befinden ist gemäss dieser Auffassung also ein Resultat unserer Ernährungsgewohnheiten, die weit über Ess- und Trinkbares hinausgehen. Wir sind Bildern, Klängen, Gerüchen, Geschmäckern, Berührungen und Gedanken ausgesetzt, die unser Befinden beeinflussen. Filme, Gespräche oder Situationen können uns positiv oder negativ beeinflussen.
Auch unsere Absicht, mit der wir in den Tag starten, und die Motivation, mit der wir einer Tätigkeit nachgehen, wirken wie eine Form von Nahrung. Wenn es beispielsweise einem Unternehmer vorwiegend darum geht, sich selbst zu bereichern, könnte er andere belügen und betrügen. Über das, was ihm dabei im Weg steht, könnte er sich aufregen und vielleicht sogar Hass gegen andere entwickeln. Man kann derselben Arbeit aber mit Ehrlichkeit, Toleranz, Grosszügigkeit und Freude nachgehen und dadurch sich und seine Mitwelt positiv beeinflussen. Das ist gemeint, wenn wir im Zen Tatabsicht als Nahrung bezeichnen.
Bewusstsein als Nahrung bedarf einer näheren Erläuterung. Das Wort «Bewusstsein» kann als Substantiv den Eindruck erwecken, es bezeichne etwas Beständiges oder Greifbares. Das ist aber nicht der Fall. Wir sollten deshalb fragen: «Bewusst worüber?» So sprechen wir im Zen von Seh-, Hör-, Riech-, Geschmacks-, Tast- und Denkbewusstsein. Wenn beispielsweise ein Klang das Ohr erreicht und im Nervensystem verarbeitet wird, können wir von Hörbewusstsein sprechen. Es entsteht aufgrund bestimmter Bedingungen und ist damit ein vergängliches Resultat. Ein Hörbewusstseinsmoment kann seinerseits im Zusammenwirken mit weiteren Bedingungen zur Ursache eines Gefühls werden – etwa wenn uns jemand ein Lied vorspielt.
Ein Bewusstseinsmoment kann ausserdem dazu führen, dass die entsprechende Erfahrung als Information in uns gespeichert wird. In einigen buddhistischen Traditionen wird in diesem Zusammenhang von «Speicherbewusstsein» gesprochen. Ich halte diesen Begriff jedoch für missverständlich: Er legt nahe, es gebe einen Speicher, in dem Bewusstsein aufbewahrt werde. Was erhalten bleibt, ist nicht ein früheres Bewusstsein, sondern Information beziehungsweise eine aus Erfahrung hervorgegangene Disposition. Nach heutigem wissenschaftlichem Verständnis geht die Erinnerbarkeit von Erfahrungen mit Veränderungen neuronaler Netzwerke im Gehirn einher; zugleich können Erfahrungen die körperliche Reaktionsregulation prägen. Das kann sich etwa darin zeigen, wie sich Herzschlag, Atmung und Muskelspannung in belastenden Situationen verändern. Treffen später gegenwärtige Sinnesreize auf diese im Organismus verankerten Informationen, wird kein früherer Bewusstseinsmoment abgerufen. Vielmehr entstehen in der dynamischen Wechselwirkung von Gehirn, Körper und gegenwärtigem Umfeld neue Wahrnehmungen, Empfindungen und Handlungsimpulse.
Das fluktuierende Entstehen und Vergehen von Bewusstseinsmomenten, die jeweils Wirkung und zugleich Bedingung für weiteres Entstehen sein können, nennen wir Bewusstseinsstrom. Wie ein Strom aus Wasser hat er keine feste Existenz und keine unveränderliche Substanz, ist dennoch wirksam. Um Bewusstsein als Nahrung und die daraus hervorgehenden Wirkungen verstehen und im Sinne einer heilsamen Transformation des Geistes nutzen zu können, praktizieren wir Zen. Achtsamkeit spielt dabei eine zentrale Rolle. Es geht nicht darum, uns eine von aussen verordnete oder selbstkonzipierte Diät aufzuerlegen. Durch das kontinuierliche, sorgfältige Beobachten wirst du selbst zum Chef: Du findest heraus, welche Zutaten bekömmlich sind und wie du für dich und für andere eine gute Mahlzeit zubereiten kannst.
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