Ein wirklich guter Kaffee
Noch vor wenigen Jahren war es in der Schweiz schwierig, einen wirklich guten Kaffee zu bekommen. Inzwischen hat man auch hier erkannt, dass es sich lohnt, diesem Thema die gebührende Sorgfalt entgegenzubringen. Wenn wir einen guten Kaffee zubereiten wollen, müssen wir verschiedene Faktoren beachten: gutes, möglichst reines Wasser, das nicht nach Chlor riecht und nicht zu kalkhaltig ist; feine Bohnen, die sorgfältig angebaut, geerntet, getrocknet und geröstet wurden; und eine präzise Mühle, die das Kaffeemehl bei Bedarf sehr fein mahlen kann. Wenn diese Voraussetzungen stimmen, brauchen wir nicht unbedingt eine teure Maschine. Ein kleiner Kaffeekocher oder heisses Wasser mit einem Papierfilter können genügen.
Schliesslich braucht es jemanden, der den Kaffee gekonnt zubereitet und ihn selbst gerne trinkt. So entwickelt er über die Jahre ein feines Gespür dafür, was einen wirklich guten Kaffee ausmacht. Jede Zubereitungsart verlangt nach eigenen Parametern: Wie viele Gramm Bohnen braucht eine Portion? Wie fein soll der Mahlgrad sein? Wie viel Wasser braucht es bei welcher Temperatur? Wer Espresso zubereitet, wird mit der Zeit feststellen, dass sich das Mahlgut je nach Luftfeuchtigkeit verändert. Die Mühle muss dann möglicherweise neu justiert werden.
So wie die japanische Teezeremonie eng mit dem Zen verbunden ist und als Übungsweg verstanden werden kann, ist für mich auch das Zubereiten von Kaffee eine Form der Meditation. In einem gelungenen Espresso kommen alle Bedingungen seiner Zubereitung zusammen. Wir können Geruch, Farbe, Konsistenz und Geschmack unterscheiden und beschreiben. Keiner dieser Aspekte reicht jedoch für sich allein aus, um den Kaffee zu erfassen. So verhält es sich auch mit Zen. Wir können es anhand verschiedener Aspekte beschreiben und versuchen, jemandem etwas davon zu vermitteln: etwa im Rahmen der sechzehn Bodhisattva-Gelübde, des Edlen Achtfachen Pfades oder der vier Arten der Nahrung.
Wir können auch nur zwei Aspekte herausgreifen: Samatha und Vipassanā. Beide Begriffe sind im Westen meist unter ihren Pāli-Bezeichnungen bekannt. Samatha steht für Beruhigung und Sammlung des Geistes, Vipassanā für klare Betrachtung und das daraus erwachsende Verstehen. So wie Geruch und Geschmack eines Kaffees zusammenwirken, bedingen sich auch Samatha und Vipassanā.
Stell dir vor, du strampelst in einem Tümpel. Das Wasser ist trüb. Als Erstes hörst du auf zu zappeln, und der gröbste Schlamm beginnt sich allmählich zu setzen. Dann werden auch dein Körper und deine Atmung ruhiger. Es entstehen kaum noch Wellen und auch feinere Partikel sinken allmählich zum Grund. Das Wasser wird klarer. Nun versuchst du, diese Ruhe beizubehalten oder immer wieder zu ihr zurückzufinden. Du wirst noch gelassener und konzentrierter und kannst klarer wahrnehmen, was in dir und um dich geschieht.
Konzentration bedeutet, unsere Aufmerksamkeit auf ein Meditationsobjekt zu richten und immer wieder zu ihm zurückzukehren. Das kann die Atmung, eine Visualisation oder ein Thema der Betrachtung sein, etwa die Vergänglichkeit oder das Mitgefühl. Indem wir immer wieder zu unserem Meditationsobjekt zurückkehren und es eingehend betrachten, vertiefen sich Konzentration und Erkenntnis, und wir lernen die Funktionsweise unseres Geistes immer besser kennen. Sammlung und Erkenntnis entstehen nicht getrennt, sondern miteinander. In diesem Prozess gleicht der Geist dem Wasser: Je mehr er zur Ruhe kommt, desto klarer wird er. Und je klarer er wird, desto leichter findet er zur Ruhe. Stille und Klarheit des Wassers – und des Geistes – bedingen sich gegenseitig.
Warum ist das von Bedeutung? Weil es keinen Sinn macht, die teuersten Kaffeebohnen zu kaufen, ohne zu verstehen, wie Mühle und Zubereitung funktionieren. Auch im Zen müssen wir verstehen, wie die einzelnen Bedingungen zusammenwirken. Es geht darum, einen wirklich guten Kaffee zuzubereiten. Für dich und für mich.
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