Sich selbst eine Insel sein

Wenn wir Menschen verzweifelt, besessen oder gleichgültig sind, tun wir die verrücktesten Dinge: Wir kaufen Sachen, die wir nicht brauchen, konsumieren Inhalte, die uns krank machen, belügen Menschen, die wir lieben, oder beginnen, Ratschläge zu befolgen, die uns verwirren und in Abhängigkeit treiben. Auch im einundzwanzigsten Jahrhundert beherrschen die Religionen des Kapitals, der Unterhaltungsindustrie, der politischen Propaganda und der sexuellen Ergötzung mit ihren Gurus und deren Versprechungen von mehr Reichtum, Spass, Sicherheit und Befriedigung die Massen und steuern einzelne Schicksale. Und wenn dann einer wie ich hier von der Kanzel herab predigt oder als Hofnarr die Werte der Obrigkeit ins Lächerliche zieht, wird das Ganze zur allgemeinen Belustigung und bildet noch den Kitt, der diesen irren Sauhaufen zusammenhält.

All diese Versprechungen – auch jene der klassischen Religionen – bieten meiner Erfahrung nach keine Zuflucht. Dass ich dies erkennen konnte, verdanke ich paradoxerweise gerade dem Buddhismus. Buddhismus ist nach heutigem Verständnis eine der Weltreligionen. Der Begriff «Buddhismus» ist jedoch eine europäische Wortschöpfung, die sich Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts herausbildete. In den buddhistischen Kulturen Asiens waren dagegen Bezeichnungen wie Buddha-Dharma gebräuchlich. Dharma bezeichnet die Lehre und Praxis des Buddha ebenso wie die Wirklichkeit selbst: Ursache und Wirkung, Bedingtheit und Vergänglichkeit sowie die Funktionsweise der Phänomene – insbesondere des Geistes.

In den traditionellen Schriften wird der Buddha mit einem Arzt und das Dharma mit Medizin verglichen. Ich spreche hier lieber von einer Therapie: Es geht nicht um ein Medikament, das uns jemand verschreibt und das wir bloss einnehmen können, sondern um eine Praxis, die wir selbst erproben und verwirklichen. Die Sangha, die Gemeinschaft der Dharma-Praktizierenden, übernimmt dabei sinngemäss die Rolle medizinischen Fachpersonals, vergleichbar mit Assistenzärztinnen und Assistenzärzten sowie Pflegefachpersonen.

Buddha, Dharma und Sangha werden traditionell als die Drei Juwelen bezeichnet. In vielen buddhistischen Traditionen richtet sich die Zufluchtnahme auf sie. Als Jugendlicher nahm ich bei einem meiner Lehrer an einer entsprechenden Zeremonie teil und bekannte mich damit formell zum Buddhismus. Seitdem denke ich – mittlerweile seit bald vierzig Jahren – täglich über dieses Thema nach. Bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang einige Aussagen aus dem Mahāparinibbāna-Sutta. Diese «grosse Lehrrede über das endgültige Erlöschen» handelt vom Sterben des Buddha und gehört zum Dīgha-Nikāya, der Sammlung der längeren Lehrreden. Sie wurde zunächst mündlich tradiert und später in Pāli, einer alten indischen Sprache, schriftlich festgehalten. Philologische Indizien legen nahe, dass zumindest Teile dieser Überlieferung spätestens in den Jahrzehnten um 350–320 v. Chr. vorlagen. Das macht es plausibel, dass der Text sehr alte buddhistische Überlieferungen und Lehrelemente bewahrt – ein eindrückliches Zeugnis einer Weisheitstradition, die mehr als 2300 Jahre zurückreicht. Eine der darin überlieferten, dem Buddha zugeschriebenen Aussagen lautet sinngemäss: «Seid euch selbst eine Insel und sucht allein in der Wirklichkeit Zuflucht.»

Zuflucht zu nehmen ist kein Akt in einem Theater, durch den man zum Buddhisten wird. Es ist eine lebenslange Praxis. Für mich hat sie im Kern nichts mit Religion oder äusseren Instanzen zu tun. «Zuflucht» ist deshalb für mich nicht der passende Begriff. Statt vor etwas zu fliehen, geht es vielmehr darum, bewusst in Beziehung zu unseren eigenen kostbaren Fähigkeiten und Qualitäten zu treten: zur klaren und erkennenden Natur unseres Geistes, zur Wirklichkeit, wie sie sich uns in eigener Praxis erschliesst, und zu unseren inneren heilsamen Ressourcen. Die Drei Juwelen – Buddha, Dharma und Sangha – verstehe ich daher eher als drei lebendige Bezüge in unserer eigenen Praxis denn als etwas Äusseres und Beständiges. Durch diese Praxis bilden wir uns selbst zum Arzt aus, entwickeln eigene Therapieformen, die tatsächlich wirken, und nutzen alle Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen.

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